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Chamäleon Automobilbranche - Gute Aussichten trotz harter Konkurrenz

Februar 2023 – Die deutschen Automobilbauer stehen vor drastischen Veränderungen: Die reinen Absatzzahlen sinken, der Konkurrenzdruck aus Asien wächst. Obwohl es an vielen Ecken und Enden brennt, herrscht Zuversicht. „Die internationalen Fahrzeugmärkte werden sich in den kommenden Jahren merklich verändern“, prognostiziert Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius. „Die Autobauer passen sich erfolgreich an und erschließen neue Märkte.“ Sorgenkinder in diesem Szenario sind und bleiben die Zulieferer.

Autobauer im Aufwind, Zulieferer driften ab

Die Jahresbilanzen stehen zwar noch aus – dennoch zeigt sich die Fortsetzung gewisser Trends aus dem gewinnstarken Vorjahr. „Insgesamt sind die Absatzzahlen 2022 erneut zurückgegangen, was aber per se kein schlechtes Zeichen ist“, sagt Liebold.

Nutz- und Elektrofahrzeuge verkaufen sich sehr gut. Den Löwenanteil mit 26 Prozent unter den Neuzulassungen behaupten rein batteriebetriebene Fahrzeuge – ein Trend, der den Autobauern 2022 Rekordgewinne bescherte. Auch die Absatzzahlen im Luxussegment mit seinen deutlich höheren Margen kletterten. Daher rechnet Experte Liebold erneut mit einem dicken Gewinnplus. Ein weiterer Faktor: Um Kosten zu sparen und Gewinne zu steigern, setzen die Autobauer bei der Elektromobilität noch stärker auf Synergieeffekte.

Ein aktuelles Beispiel ist Ford. Die Entwicklung von Elektrofahrzeugen soll in den USA bei der Muttergesellschaft gebündelt werden. Deshalb droht am Standort Köln ein deutlicher Stellenabbau. Dies erschwert die Lage der Zulieferer zusätzlich: „Sie sitzen gegenüber ihren Abnehmern, den Autobauern, traditionell am kürzeren Hebel, was die Gestaltung von Preiserhöhungen bei fest abgeschlossenen Rahmenverträgen angeht“, so Liebold.

Satte Gewinne für die einen, geplatzte Aufträge für die anderen

Im Frühjahr 2020 rollte die Chipkrise an. Die deutschen Fahrzeugbauer konzentrierten sich zunehmend auf das Luxussegment: „So konnten sie das wenige verfügbare Material in hochpreisigen Wagen verbauen und strichen trotz geringerer Absätze hohe Gewinne ein“, erläutert Liebold.

Davon profitierten die Zulieferer nicht automatisch. Für sie ist die Durchsetzung höherer Preise schwierig, besonders gegenüber großen Abnehmern – schließlich haben sie feste Rahmenverträge und wollen ihre guten Geschäftsbeziehungen nicht gefährden. Dadurch gerieten die Abnehmer in eine gewisse Machtposition und ließen in Zeiten geringerer Nachfrage teils Aufträge kurzfristig platzen. „So schlagen negative Marktschwankungen bei den Zulieferern schneller zu Buche. Die meisten von ihnen sitzen derzeit nicht gerade auf einem Liquiditätsberg.“ 

Mehr Chips – mehr Beruhigung – mehr Bewegung

Inzwischen lässt der Chipmangel nach. Und der Trend zu deutschen Luxusmarken dürfte anhalten. Frank Liebold prognostiziert: „Die Nachfrage nach E-Autos wird zwar 2023 voraussichtlich sinken, da Förderprogramme wegfallen. Langfristig geht der Trend aber klar zum E-Auto – gerade im Luxussegment ist die Nachfrage hoch und wird von deutschen Autobauern gut bedient.“

car_repair_10_fullcolor_3c_hr-1Ein Manko im internationalen Vergleich: Deutsche Firmen hinken bei der Entwicklung neuer und günstigerer Batteriemodelle hinterher. Dies ist vor allem bei Neuwagen ein Minuspunkt. Derzeit entfällt auf den Batterieantrieb rund 40 Prozent des Gesamtpreises – für einen günstigen Kleinwagen ist der E-Antrieb somit zu teuer. Gleichzeitig ziehen ausländische Marken vorbei. Liebold rechnet mit wachsender Konkurrenz vor allem aus Asien: „Darauf müssten die deutschen Firmen reagieren.“

Top-Marken und -Modelle für neue Märkte

„Gerade bei Elektrofahrzeugen im Mittelklassesegment drängen neue Hersteller aus Asien auf den deutschen Markt“, sagt Liebold. „Deutsche Hersteller können und wollen um dieses Segment gar nicht erst konkurrieren.“ Sie suchen ihre Kunden vermehrt im außereuropäischen Ausland – und gehen dorthin, wo allein die Marke BMW oder Mercedes noch großes Ansehen genießt.

Dieser Wandel ist für Liebold auch eine Reaktion auf den Paradigmenwechsel der deutschen Autokultur: „Der Trend geht zu alternativen Mobilitätskonzepten jenseits des reinen Verbrennungsmotors und einer bestimmten Marke. Die Zeiten des Autos als Statussymbol sind vorbei.“ 

Ganz anders ist die Lage in ökonomisch aufsteigenden Nationen wie China oder Indien: Der Wohlstand wächst und viele Menschen haben noch kein Fahrzeug – ein vielversprechender Wachstumsmarkt gerade für die weltbekannten und als hochwertig geltenden Marken „Made in Germany“.

Von Krisen geschüttelt in historisch einmaliger Situation

Das Umschwenken der Autobauer bekommen die deutschen Zulieferer zu spüren. Angesichts neuer Technologien in der Mobilität brauchen sie neue Produkte. Ansonsten werden sie auf lange Sicht abgehängt. 

Nichtsdestotrotz: Die Abhängigkeit zwischen Autobauern und Zulieferern beruht auf Gegenseitigkeit. Dies ist den Herstellern inzwischen bewusst. Deshalb sind sie einigen wichtigen Zulieferern – allerdings nur diesen – im vergangenen Jahr preislich und vertraglich entgegengekommen. Liebold weiß, warum: „Es ist auch im Interesse der OEMs, dass ihre Zulieferer nicht insolvent gehen.“ 

Dennoch bleibt deren Lage problematisch: „Wirtschaftlich befinden wir uns in einer historisch einmaligen Situation“, sagt Liebold. „Das macht sich auch bei uns als Kreditversicherer bemerkbar: Momentan passieren viele Krisen gleichzeitig, es ‚brennt‘ an vielen Stellen.“ 

Hinzu kommt: Es wird immer schwieriger, die nächste drohende Krise vorauszusehen – sobald ein Sanierungskonzept für eine Firma fertig ist, tut sich oft schon die nächste Problematik auf. „Weltweit scheint ein unvorhergesehenes Ereignis das nächste zu jagen, das ist für zahlreiche Unternehmen ein ganz neues Szenario“, fasst Liebold zusammen.

 

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